IBM Connect Konferenz – Beginnt mit Mail Next eine neue Ära der User Experience?

Februar 28, 2014 |

Nun ist die jährlich stattfindende IBM Connect Konferenz in Orlando bereits ein paar Tage vergangen. Der Nebel lichtet sich langsam und die Gemüter beruhigen sich. Einige der IBM Business Partner bereiten ihre „Konferenz-Nachlese-Veranstaltungen“ für Ihre Kunden zu Hause vor, sortieren ihre Eindrücke und Materialien.

Das große Thema in diesem Jahr war die Vorstellung von Mail Next. Keiner konnte sich in den vergangenen Wochen und Monaten vorstellen, dass die IBM tatsächlich noch einmal Geld in die Hand nimmt und in die Entwicklung eines neue Mail Front-Ends investiert. In den letzten Jahren wurde die Plattform „IBM Connections“ für die durch das Thema „Social Software“ geprägte Form der Zusammenarbeit und der Kommunikation ganz nach vorne gestellt. Alle anderen Produkte aus der IBM Collaboration Sparte standen verschämt in deren Schatten. Viele langjährige IBM Anwender und Partner sahen sich auf verlorenem Posten. Obwohl sich die IBM immer wieder bemühte zu wiederholen, dass die Roadmap für den Notes Client und den Domino Server auf Jahre hinaus besteht und umgesetzt wird.

Final - Was kommt Next bei der IBM - Feb 2014 - Mail Next ScreenshotNun also „Mail Next“. Erstaunlicherweise und widererwarten nutzen die IBM Entwickler die Mail Technologie aus dem eigenen Haus: „Mail Next“ wird Notes & Domino als E-Mail Backend verwenden werden! Werden! Denn auf der Konferenz wurde kein fertiges oder ein kurz vor der Auslieferung stehendes Produkt präsentiert, sondern ein „so könnte es im nächsten Jahr aussehen“-Prototyp. Das fertige Produkt soll es erst im kommenden Jahr geben.

Connections – Neue Portfolio-Struktur schafft Klarheit

Bis dahin wird IBM seine Produktpalette neu sortieren und alles unter die neue Dachmarke „IBM Connections“ setzen. Die Vielfalt an unterschiedlichen Produktbezeichnungen und –entwicklungen wird vereinheitlicht: Connections Mail, Connections Meeting, Connections Chat, Connections Files usw. Das ist für Lösungs- und Integrationspartner eine gute Nachricht. Denn vielfach herrscht im Markt für Social Collaboration Verwirrung vor, welche Produkte und Features in den als „Social“ gebrandeten Produkt-Suites verstecken.

Man darf gespannt sein, ob und wie es IBM in diesem Jahr schafft, die führende Position im Social Business Thema zu halten. In diesem Bereich gibt es mittlerweile eine sehr große Anzahl von etablierten Mitbewerbern, wie Microsoft, Jive und weiteren Schwergewichten der IT-Branche, aber auch viele kleine, innovative und aufstrebende Unternehmen mit sehr eleganten und pfiffigen Lösungen.

Wie IBM Leader im Social Collaboration bleiben kann

Um die führende Position zu halten, bedarf es der folgenden Maßnahmen:

  1. Produkte harmonisieren und integrieren – Die Vielzahl der Produkte muss harmonisiert und um ein vielfaches besser aufeinander abgestimmt werden. Das Sammelsurium an unterschiedlichen Technologien, unnötigen Überlappungen bei den Produkten und die häufig auftretenden Inkompatibilitäten müssen abgestellt werden. Die Stärke von IBM am Markt gegenüber den Mitbewerbern ist, dass ein breites Portfolio an Lösungen angeboten wird. Der Nachteil ist, dass diese Produkte in der Realität an vielen Stellen inkompatibel zueinander sind und nur sehr aufwendig aufeinander abgestimmt sind und miteinander interagieren können.
  2. Mittelstand begeistern und überzeugen – Die Einführungswelle von „Social Business“ bei den Unternehmen wird noch ein paar Jahren unterwegs sein, der Kuchen ist noch nicht komplett verteilt. Die großen Unternehmen beschäftigen sich bereits alle mehr oder weniger intensiv mit dem Thema. Nun kommt der Mittelstand in seiner Breite und Vielfalt dran. In Deutschland gibt es sehr viele, sehr innovative Unternehmen, die mit ihren jetzigen Kommunikationsstrukturen und Werkzeugen an ihre Grenzen stoßen. Für diesen Markt muss die IBM nun die Produkte optimieren. Dazu gehört natürlich ein sehr gutes Cloud-Angebot, aber auch sehr gute On Premise Lösungen. Gerade der deutsche Mittelstand möchte seine IT Services selber oder durch einen vertrauensvollen Partner betreiben lassen. IBM bedient beide Märkte, aber leider qualitativ sehr unterschiedlich.
  3. User Experience verbessern – Die kleinen, innovativen Lösungen im Social Business Bereich zeichnen sich häufig durch ein modernes und durchgängiges Design aus. Ein und dieselbe Datei im Wiki findet der Anwender auch im Activity Stream oder im Bereich der Dateien wieder. Als Benutzer bemerkt man hier sofort, dass das Produkt von einer Gruppe entwickelt und aufeinander abgestimmt wurde. Das ist bei den IBM Connections leider nicht der Fall. Dateien im Wiki sind etwas anderes als Dateien in Bereich Dateiverwaltung. Dazu kommt häufig noch ein Benutzerinterface, das an die frühen Zeiten von Webanwendungen erinnert. Das erinnert sehr an die 90iger Jahre, als Microsoft Excel gekauft hat und die Office Produkte u.a. alle ihr eigenes Icon-Set verwendeten. Auch hier zeigen kleine Lösungen am Markt elegantere, modernere Lösungen.
  4. Entwicklungsprozess an Cloud-Zeitalter anpassen – Auf der IBM Connect in Orlando mit schönen Präsentationen ein neues Produkt ankündigen und dann erst im Jahr darauf liefern mag in der Automobilindustrie vielleicht noch funktionieren, aber nicht mehr in der aktuellen, von Google, Facebook und innovativen Startups dominierten Welt von heute. An dieser Stelle muss die IBM dringend und grundlegend ihr Entwicklungsmodell überarbeiten.

Google+ zeigt schon seit ein paar Jahren ein modernes und interaktives Design. Die Zuordnung von Benutzern zu den eigenen Informationskreisen ist entsprechend optisch „cool“ gelöst worden. Ob man bei „Mail Next“ auch einen Benutzer, wie auf dem Bild mit einem Foto dargestellt, per Fingertipp einem Eintrag im Kalender zuordnen kann oder muss dann wieder eine Adressbuch-Dialogbox herhalten? Das Thema Design Thinking ist bei der IBM angekommen. Mal sehen, wann es sich bei den Produkten wiederfindet.

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Quelle: (C) 2014 – Crisp Research

IBM verspricht die analytischen Fähigkeiten ihres Supercomputers Watson mit zu integrieren. Auch hier spielt Google+ eine Vorreiterrolle, auch wenn hier das Thema Werbung im Vordergrund steht. Wird „Mail Next“ mit seinen Analysefähigkeiten wirklich die Produktivität der Anwender erhöhen und sinnvoll an den richtigen Stellen dem Anwender die notwendigen Informationen bereitstellen? Wenn dies gelingt, wäre es ein Quantensprung. Dann würden aus Social Collaboration-Lösungen echte Social Business-Lösungen, die die Produktivität im Unternehmen erhöhen.

User Experience + Analytics = Social Collaboration Excellence

IBM ist auf dem richtigen Weg. Bei analytischen Auswertungen hat die Supercomputer-Firma einen gewaltigen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Bei der Gestaltung von Userinterfaces und der Integration der verschiedenen Produkte und Funktionen gilt es noch einiges aufzuholen. Bleibt nur noch die Frage, ob der Zeitplan für „Mail Next“ und die neue Produktausrichtung der richtige ist, damit die IBM beim Thema „Social Business“ weiterhin in der Pole-Position bleiben wird?

Category: News

Joachim Haydecker

About the Author ()

Joachim Haydecker ist Senior Analyst bei Crisp Research mit dem Fokus auf „Social Collaboration“ und „Talent Management“. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Joachim Haydecker als IT-Analyst, IT-Consultant, Trainer und Coach. Nach seiner Ausbildung zum DV-Kaufmann als Administrator und Entwickler und seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Kassel arbeitete er mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Inhouse-Consultant für „E-Learning“ an der gleichen Universität. Seit ein paar Jahren entwickelt er gemeinsam mit Unternehmen Konzepte für die Einführung und Etablierung von Social Business Lösungen. Gemeinsam mit Partnern aus seinem Netzwerk hat er zahlreiche Kundenprojekte auf Basis von IBM Produkten implementiert. Darüber hinaus arbeitet er mit Produkten von weiteren Firmen, z.B. Microsoft und Google, sowie verschiedenen OpenSource-Lösungen. Als aktiver Blogger und Netzwerker nutzt Joachim Haydecker die gängigen Social Networks für seine berufliche und private Kommunikation. Als Sprecher und Moderator ist er regelmäßig auf Barcamps und Konferenzen aktiv.

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