Die Cloud Vendor Lock-in Diskussion ist überflüssig, denn eigentlich lieben wir ihn alle

[ 2 ] März 18, 2013 |

Eine beliebte Cloud Computing Diskussion ist der Vendor Lock-in. Die Abhängigkeit von einem Anbieter die so groß ist, dass sich die Änderung der aktuellen Situation aufgrund zu hoher Wechselkosten als unwirtschaftlich gestaltet. Ich hatte so eine Diskussion erst kürzlich wieder während eines Panels und möchte hier mal meine grundsätzliche Einstellung zum Thema Vendor Lock-in schildern. Denn meiner Ansicht nach ist ein Lock-in zwangsläufig nichts Schlechtes. Eigentlich lieben wir ihn. Uns ist es meistens nur nicht bewusst. Darüber hinaus leben wir seit Jahrzehnten und jeder von uns sogar tagtäglich damit. Ein Lock-in ist nicht zu umgehen, er ist immer vorhanden!

Der tagtägliche Lock-in

Ein gutes Beispiel ist IKEA. Unsere Wohnung besteht bis auf die Küche aus Möbeln von IKEA. Warum? Weil es gut aussieht, perfekt zusammenpasst UND Möbel anderer Anbieter sich damit schwer kombinieren lassen. Es ist der perfekte Lock-in. Und? Wir finden es toll, weil es den Zweck, aber vor allem unsere Anforderungen erfüllt. Analog zur IT bedeutet es, dass sich Unternehmen bewusst auf einen vermeintlichen Lock-in mit SAP, Microsoft, Oracle und anderen Anbietern einlassen, weil sie ihn benötigen und weil die genannten Anbieter die Anforderungen weitestgehend erfüllen. Man überlege sich nur mal, wie viele Unternehmen sich SAP angepasst haben und nicht anders herum. Weil es zunächst möglicherweise keine Alternativen gab und weil SAP die gewünschten Funktionen für das tagtägliche Geschäft erfüllte.

Das Paradebeispiel für einen Lock-in ist das iPhone/ iPad. Und? Richtig, alle lieben ihn! Weil das iPhone den eigenen Coolnessfaktor „anhebt“ und auch noch die Funktionen mitbringt die so viele benötigen, auch wenn sie es vorher nicht einmal wussten. Bis auf den Coolnessfaktor gilt dasselbe für Android. Man möge nun argumentieren, dass Android Open-Source sei und die Freiheit damit schließlich größer ist. Das stimmt auf der einen Seite. Und für die Einzelperson mag sich der Aufwand für einen Wechsel relativ in Grenzen halten. Aus der Sicht eines Unternehmens sieht es aber schon wieder ganz anders aus. Hier ist der Lock-in vergleichbar mit einem iPhone/ iPad, nur im Google Universum.

Kein Vendor Lock-in ist reines Marketing-Versprechen

Ähnlich verhält es sich in der Cloud und hier speziell bei OpenStack. Rackspace ist der Lautsprecher der OpenStack Gemeinde. Der Anbieter argumentiert, dass man von einem Public Cloud Anbieter der auf OpenStack setzt, besser in die eigene Private Cloud Infrastruktur zurückkommt. Und liefert natürlich gleich eine eigene OpenStack Private Cloud Distribution mit. Am Ende verdient Rackspace durch Beratung und weitere Dienstleistungen daran. Rackspace Argument ist richtig, aber eher auf der Marketingebene zu verstehen. Denn auch ein Anbieter wie Microsoft bietet mit seinem Windows Server 2012 die Möglichkeit von Azure zurück in die eigene Infrastruktur. Und auch von den Amazon Web Services (AWS) kann man sich befreien, wenn man eine eigene Eucalyptus Cloud besitzt. Zwar bildet Eucalyptus bei weitem noch nicht alle Services von AWS ab, aber das wird im Laufe der Zeit passieren. Ich bin darüber hinaus weiterhin davon überzeugt, dass Amazon Eucalyptus früher oder später kaufen wird.

Also, auch bei OpenStack begibt man sich in einen Lock-in. Zwar wird hier von offenen Standards und APIs gesprochen. Aber im Endeffekt bleibt man damit auch nur im OpenStack Ökosystem gefangen. Das bedeutet, dass man bequem zu einem anderen Anbieter wechseln kann der OpenStack unterstützt. Das Thema Openness wird hier aber eher als Marketingmittel genutzt. Schließlich handelt es sich bei OpenStack und allen anderen kommerziellen Open-Source Vereinigungen um keine Spaßveranstaltungen. Da geht es um knallhartes Business. OpenStack vereinfacht es am Ende nur, zwischen den verschiedenen Anbietern zu wechseln die ebenfalls auf OpenStack setzen. Da aber alle Anbieter quasi auf dieselbe Technologie aufsetzen und sich nur durch Mehrwert-Dienstleistungen abheben, hat man auch hier den OpenStack Technologie Lock-in. (Ja natürlich ist es möglich, sich unabhängig von einem Anbieter eine eigene OpenStack Cloud aufzubauen. Aber der (finanzielle) Aufwand steht in keinem Verhältnis zum späteren Nutzen.)

Ein Lock-in bietet mehr Vorteile als man denkt

Ein Lock-in bietet zudem einige Vorteile. Er schafft Innovationen, von denen man als vermeintlicher „Sklave“ partizipiert. Die Anbieter rollen ständig Verbesserungen aus, von denen wir profitieren. Und, der Lock-in ist gut, solange er genau den Zweck erfüllt, der erwartet wird. Wenn die Lösung die Anforderungen erfüllt ist alles super! Als Unternehmen lässt man sich nach der Entscheidung für einen Anbieter zudem bewusst darauf ein. On-Premise hat man sich seit Jahren auf einen Lock-in eingelassen. Sicherlich ist man mit der einen oder anderen Funktion nicht ganz einverstanden, aber im Großen und Ganzen ist man glücklich, weil die Probleme gelöst und Anforderungen erfüllt werden. Und, als Unternehmen nimmt man auch in der Cloud eine nicht unbedeutende Summe finanzieller Mittel in die Hand. Diese Investitionen müssen sich erst einmal rentieren, bevor man wieder über einen Wechsel nachdenkt. Eines sollte man darüber hinaus nicht vergessen. Hat ein anderer Anbieter großes Interesse daran, ein Unternehmen von einem bestehenden Anbieter loszureißen, wird er alles mögliche in Bewegung setzen, um diesen Weg zu ermöglichen. Bevor man sich also zu viele Gedanken über einen Lock-in macht, sollte man lieber zunächst schauen, wie zukunftssicher die Services und der Cloud-Anbieter selbst sind und das in eine mögliche Exit-Strategie mit einbeziehen.

Fazit: Wir leben ständig mit einem Lock-in, der sich niemals vollständig umgehen und maximal sehr gering halten lässt. Der eine Lock-in ist etwas flexibler als der andere, aber die Entscheidung dafür bleibt. Nicht abzustreiten bleibt, wir lieben ihn, den Lock-in!

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Category: Kommentar

René Büst

About the Author ()

Rene Buest is Senior Analyst and Cloud Practice Lead at Crisp Research, covering cloud computing, IT infrastructure, open source and Internet of Things. Prior to that he was Principal Analyst at New Age Disruption and member of the worldwide Gigaom Research Analyst Network. Rene Buest is top cloud computing blogger in Germany and one of the worldwide top 50 bloggers in this area. In addition, he is one of the world’s top cloud computing influencers and belongs to the top 100 cloud computing experts on Twitter and Google+. Since the mid-90s he is focused on the strategic use of information technology in businesses and the IT impact on our society as well as disruptive technologies. Rene Buest is the author of numerous professional cloud computing and technology articles. He regularly writes for well-known IT publications like Computerwoche, CIO Magazin, LANline as well as Silicon.de and is cited in German and international media – including New York Times, Forbes Magazin, Handelsblatt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Wirtschaftswoche, Computerwoche, CIO, Manager Magazin and Harvard Business Manager. Furthermore Rene Buest is speaker and participant of experts rounds. He is founder of CloudUser.de and writes about cloud computing, IT infrastructure, technologies, management and strategies. He holds a diploma in computer engineering from the Hochschule Bremen (Dipl.-Informatiker (FH)) as well as a M.Sc. in IT-Management and Information Systems from the FHDW Paderborn.

Comments (2)

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  1. Ralf Schnell sagt:

    Sehr geehrter Herr Büst,

    zunächst einmal vielen Dank für den interessanten Artikel. Vielen Ihrer Argumente stimme ich zu, jedoch sehe ich sehr wohl ein signifikantes Problem bei einem Vendor Lock-In. Ihr Beispiel iPad/iPhone trifft das Problem nicht ganz, denn das Gerät ist nicht der kritische Faktor. Meine Daten sind ja in der Regel in der Cloud (z.B. bei meinem Email-Provider, Social Media-Provider u.ä.), und ich kann mit geringem Aufwand von Apple zu Android wechseln, ohne Daten und Funktionalität zu verlieren.

    Anders sieht es aber aus, wenn ich als Unternehmen z.B. eine eigene spezialisierte Anwendung für Windows Azure entwickle, die dann nur und ausschließlich auf dieser Cloud-Plattform läuft. Diese Anwendung bekomme ich nicht ohne weiteres irgendwo sonst zum laufen – evtl. auch nicht auf dem eigenen Windows Server im Unternehmen. Dann wäre ich abhängig von dieser einen Plattform und diesem einen Provider.

    Auch die ständige Innovation durch den Provider sehe ich nur eingeschränkt positiv. Ja, Innovation findet statt. Aber wenn man betrachtet, welche Innovationen ein Unternehmen braucht, um in seinen Märkten erfolgreich zu sein und Alleinstellungsmerkmale auszuprägen, dann sehe ich den Beitrag von Innovation aus der Public Cloud als eher gering.

    Mit freundlichen Grüßen!

    Ralf Schnell

    • René Büst René Büst sagt:

      Hallo Herr Schnell,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben natürlich Recht. Einen Vendor Lock-in darf und sollte man nicht herunterspielen. Das war auch gar nicht meine Absicht. Ich will darauf aufmerksam machen, dass wir unabhängig von der Cloud schon ewig damit leben und uns in den meisten Fällen auch bewusst dafür entschieden haben und wir immer einen gewissen Lock-in haben. Natürlich, speziell durch die Abhängigkeit in die man sich bei einem Anbieter in der Cloud begibt, bekommt der Lock-in eine ganz besondere Bedeutung.

      Die Migration iPhone <> Android sehe ich ein wenig zwiegespalten. Bei den Daten, die zu den Apps von Drittanbietern gehören, stimme ich Ihnen ohne weiteres zu. Diese befinden sich in der Cloud und die App dient dabei überwiegend als Client für den Zugriff. Bei den Apple bzw. Google spezifischen Apps sieht es schon wieder ein wenig anders aus. Aber da machen wir dann auch direkt den Spagat in die Cloud, wo die Daten dann bei Apple respektive Google liegen. Diese zu migrieren würde ich nicht unterschätzen.

      Aus diesem Grund bin ich Verfechter des Multi-Cloud Ansatzes. Auch wenn sich das im ersten Moment finanziell nicht attraktiv anhört. Wer aber ernsthaft eine Applikation in der Cloud betreiben will, sollte diese Überlegungen unbedingt in seine Strategie mit einbeziehen. Ich kenne mehr als ein Unternehmen, das seine Anwendung zwar primär in der Amazon Cloud laufen lässt. Die Lösung aber zusätzlich zu 100% für die Google AppEngine geschrieben hat. Zum einen auf Grund des Lock-in zum anderen aber auch bzgl. des Themas Ausfallsicherheit und hier die Abhängigkeit zu dem Anbieter.

      Multi-Cloud bedeutet in meinem Kontext jedoch nicht, dass man als Unternehmen alles doppelt oder dreifach entwickelt, sondern gegen eine Plattform/ API entwickelt, die dann das Multi-Cloud Deployment übernimmt. Zum Beispiel Rechenleistung von Amazon, Speicherplatz bei Azure, ein paar Services bei sich lokal im Rechenzentrum usw.

      Viele Grüße

      René Büst

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