Standpunkt: Der Kampf um die echte Cloud

[ 1 ] Februar 23, 2012 |

Die Zeiten sind vorbei, da wir uns mit einer Kollektion von gerade mal vier Clouds zufrieden gaben. Und da wir uns damit begnügen mussten, uns darüber zu amüsieren, dass die Private Cloud gar nicht für Privatleute ist und die Institutionen des Publicbereichs gar nichts von Public Clouds halten. Geradezu inflationär steigt die Zahl der Cloud-Arten: die Logistik Cloud, die Deutsche Cloud, die Automotive Cloud, die Business Cloud, die G-Cloud, die Kasumigaseki Cloud; Clouds haben mittlwerweile auch Eigenschaften, sie sind dedicated (!), shared, blau oder grün und erst kürzlich begegnete uns eine Zuckerrüben-Cloud. Die Fülle menschlichen Erfindungsreichtums ist größer als die grenzenlosen Möglichkeiten, die die ICT bietet.

von Dr. Martin Reti

Zu all diesen mehr oder weniger kuriosen Cloudformen gesellt sich nun die „echte Cloud“. Die Glaubenskrieger der unverfälschten Cloudidee haben ihr Rüstzeug angelegt und sind bereit in die Schlacht zu ziehen. Den ritterlichen Tugenden von Mut, Hilfsbereitschaft und Wahrheit sehen sie sich verpflichtet und natürlich der Sache der Cloud. Denn „es kann nur eine geben“ skandieren sie, die Public Cloud.

Also zunächst mal: nichts gegen die Public Cloud! Das Phänomen Cloud Computing hat seinen Ursprung im Internet. Und Public Cloud ist auch eine gute Sache – überall dort, wo es mehr Nutzen bringt, als es Schaden anrichtet oder Folgekosten verursacht. Das muss jedes Unternehmen im Einzelfall entscheiden. Aber Public Cloud zum Nonplusultra zu erklären und gleichzeitig die Mär von der höheren Sicherheit in der Public Cloud zu pflegen, das klingt doch ein bisschen … utopisch.

Unbestritten: Public Cloud ist Cloud Computing in seiner (bisherigen) Extremform, vielleicht in seiner reinsten Form. Kein Widerspruch. Und auch die Tatsache, dass niemand darüber diskutiert, was eine Public Cloud ist, während die wachsende Anzahl verschiedener Sonst-Clouds exponentiell steigt, spricht für die These.

Aber ist eine Argumentation nicht eigenartig, die postuliert, die Public Cloud sei eine echte Cloud, weil sie demokratischer ist? Eher entspricht nämlich eine Public Cloud einer Diktatur. Der Cloud Provider entscheidet nämlich für seine Kunden, wie das einzig verbindliche Produkt aussieht. Was dem Kunden bleibt, ist die Wahlfreiheit: Nimm´s oder lass es bleiben. Basta!

Die Kosten- und Effizienzvorteile einer Public Cloud ergeben sich nämlich, wie wir alle wissen, aus einem rigorosen Standardisierungsansatz. Da bleibt wenig Freiraum für individuelle Lösungen. Das hat seine Richtigkeit. Doch die Geschwindigkeit neuer Releases, ein durchgängig hohes und gleiches Managementniveau, das gelingt halt nur dann, wenn eben nicht alle mitreden, sondern wenn der Cloudprovider bestimmt – und keiner widersprechen darf.

Den wirtschaftlichen Erfolg als Maßstab für eine „echte“ Cloud einzuführen und die schiere Größe, bedeutet nichts anderes als jeden kleineren Cloudanbieter zum Nicht-Cloudler abzustempeln – und zwar unabhängig davon, wie technisch ausgereift sein Angebot und sein betriebswirtschaftliches Modell ist.

Die Private Cloud bleibt ein umkämpftes Feld: Den einen kann die Cloud gar nicht privat genug sein, den anderen kann sie nicht öffentlich genug sein. Selbst wenn ein Provider für jeden seiner Kunde eine eigene Cloud aufbaute, selbst dann könnte er noch Effizienzvorteile aus der kopierten Bauanleitung generieren, mal ganz abgesehen davon, dass auch das automatisierte einheitliche Management aus Sicht des Providers und des Kunden den Cloud-Industrialisierungs- und damit Kostensenkungsansatz erzielt. Und wenn womöglich mehrere Kunden die Plattform des Providers teilten – owei, das kann doch keine Cloud sein ;-)

Die „echte“ Cloud zum Wert in der Businesswelt zu erheben, das hat was Don-Quichotteskes. Die Kunden wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie in die Cloud gehen und sie treffen eine Entscheidung, die ihren Notwendigkeiten inklusive eines spezifischen Risikobewusstseins entspricht. Das Ergebnis kann dann mal zur Public mal zur Private Cloud führen oder zu einer Mischung.

Allein drei Kriterien für das Vorliegen einer echten Cloud zu postulieren (für alle über Internet erreichbar, mindestens 250 Millionen Transaktionen pro Tag und selbe Leistung für alle Nutzer) scheint doch ein wenig eng gefasst. Mancher träumt ja beispielweise auch den Traum einer unbegrenzten Verfügbarkeit oder eines unproblematischen Anbieterwechsels oder der grenzenlosen Integration weiterer Cloud Services.

Warum ein Unternehmen in die „echte“ Cloud gehen sollte, wo doch eine „unechte“ Cloud ein adäquates Pack an Vorteilen bringt, erschließt sich nicht unbedingt. Letzten Endes bleibt jedoch die Frage, wo denn der spezifische Mehrwert einer Cloud liegt, die „echt“ oder public ist? Will ich als Nutzer Kosten sparen, Effizienz gewinnen, Geschwindigkeit generieren oder will ich mich aus Imagegründen mit dem Etikett der Echtheit schmücken?

Die Diskussion um die echte Cloud erinnert ein klein wenig an den Schulhof, auf dem die eine „echte“ Markenkleidung hat und der andere nur „normale“ Kleidung. Echtheit kann ein Wert sein, insbesondere wenn es um Diamanten oder alte Meister geht, aber wenn man ehrlich ist, kommt es bei Cloud Computing auf die inneren Werte an: Welchen Nutzen bietet mir der Service? Welche Vorteile kann ich für mein Geschäft daraus generieren? Und welches Risiko bin ich bereit zu tragen? Möchte ich im Zweifelsfall dem US Patriot Act unterliegen?

Die Entscheidung liegt – wie immer – beim Nutzer. Ob das Prädikat „echt“ den Ausschlag der Waagschale pro public beeinflussen mag, darf bezweifelt werden. Stichhaltiger und überzeugender wäre doch wohl eine Argumentation über die Vorteile eines Dienstes und nicht über das coole Image. Yo, Man!

Category: Gastbeiträge

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