Cloud Computing – Stein der Weisen 2010?

[ 0 ] Dezember 20, 2010 |

Seit dem Entwachsen aus ihren Kinderschuhen, einer Zeitspanne von einigen Jahrzehnten, sucht die IT das ultimative Konzept, den großen Wurf, der gleichzeitig Geschäft optimal unterstützt und Kosten rapide senkt. In neuester Zeit gesellt sich der Anspruch hinzu, dass dies auch noch nachhaltig, d.h. ressourcenschonend erfolgt. Unter dem Strich entspricht dieser Anspruch nicht mehr und nicht weniger als einer modernen Suche nach dem Stein der Weisen, dem Top-Forschungsthema der Alchemisten des Mittelalters.

von Dr. Michael Pauly

In dieses Konglomerat von Ansprüchen an IT hinein klingt die Ankündigung von IDCs Frank Gens wie das berühmte Heureka des Archimedes: „Das Cloudmodell wird das IT-Markt-Wachstum und seine Expansion für die nächsten 20 Jahre antreiben“.

20 Jahre? Eine gewagte These. Sind doch in der IT-Welt bislang schon fünf Jahre eine halbe Ewigkeit gewesen. Ein Konzept, das die IT für einen so langen Zeitraum bestimmen wird, darf mit gutem Gewissen als Stein der Weisen tituliert werden. Doch reflektieren die 20 Jahre die Bedeutung des Konzepts oder den zeitlichen Horizont, den wir brauchen werden, um Cloud Computing im bedeutsamen Ausmaß real werden zu lassen?
Vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt oder, um es einfach zu sagen: „Von nichts kommt nichts“.

Get ready for the Cloud

Wer Auto fahren will, der muss zunächst mal einen Führerschein erhalten. In der Cloud gilt es eher fliegen zu können. Doch auch dafür sollte man einen Flugschein erwerben – und das ist noch weitaus aufwändiger. Das bedeutet dann für den Cloudstart, dass man sich Gedanken über den Flug macht, bevor man den Motor anwirft. Sprich: Erst sollte man sich über einige grundsätzliche Fragestellungen klarwerden.

Diese folgende Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Hier ist jedes Unternehmen gefragt, branchenspezifische oder gar individuelle Anforderungen, beispielsweise hausinterne Compliance-Vorgaben, zu berücksichtigen. Vorauszuschicken ist darüber hinaus, dass hier ausschließlich Szenarien in der Public Cloud adressiert werden.

1. Die Entscheidung für die Nutzung eines Cloud-Service beinhaltet, dass die gesamte Kommunikation aller Systeme miteinander nicht wie bisher im eigenen LAN erfolgt. Gleiches gilt auch für den Zugriff auf den Service. Der Datenfluss wird ins Internet bzw. „in die Cloud“ verlagert. Das setzt voraus, dass zum einen eine entsprechend leistungsfähige WAN-Anbindung vorhanden ist. Zum anderen müssen die Anwendungen bzw. die Nutzer tolerant gegenüber möglichen Latenzzeiten sein, die hierbei auftreten können. Eine Erfahrung, auf die uns der Umgang mit privaten Mailpostfächern schon vorbereitet hat.

2. Oft wird beim Werben um neues Cloudklientel in der Unternehmenswelt eines vergessen: Bei den meisten eingesetzten IT-Services – egal, ob diese im Eigenbetrieb produziert oder vom Outsourcer des Vertrauen bezogen werden – handelt es sich um komplexe, miteinander verwobene Systeme. Soll nun ein Teil dieses Systems aus der Cloud bezogen werden, müssen die Schnittstellen sorgfältig analysiert und ausgewählt werden.

Neben dem konkreten IT-Service bzw. IT-System, welches in die Cloud migriert werden soll, sollte man auch betrachten:

  • die Kommunikation und Abhängigkeiten mit anderen Systemen
  • die betroffenen Geschäftsprozesse
  • die Security- und Complianceanforderungen

3. Mit der Nutzung eines Cloud-Service geben Unternehmen einen Teil ihrer Kontrolle über Daten und Systeme ab. Welche möglichen rechtlichen Auswirkungen auf das jeweilige Unternehmen ergeben sich daraus? Interessant ist in diesem Zusammenhang ebenfalls die Frage: Wer darf was? Also: Wer darf bei Bedarf die zusätzlichen Ressourcen bestellen? Ist dies die Fachabteilung, die mit dem Cloud-Service arbeitet oder die IT-Abteilung, die alle IT-Services verantwortet oder ist es der Einkauf? Hier bildet sich ein neues Spannungsfeld innerhalb der Unternehmen aus. Und wenn der Service womöglich automatisch skaliert. Wie behält der Nutzer die Kostenkontrolle?

Entgegen der Nutzung von Cloud-Services im privaten Umfeld, müssen im Unternehmensumfeld bereits im Vorfeld eine Vielzahl von Punkten betrachtet werden. Fazit: Das Unternehmen muss sozusagen „cloud-ready“ sein, bevor es in die Wolke startet.

Sicherheit ist nicht alles

Während im letzten Jahr eine Vielzahl von Vorträgen und Berichten sich der Frage widmeten, ob es sich beim Cloud Computing nun um einen Hype handelt oder die Cloud bereits Realität sei, steht in diesem Jahr das Thema Sicherheit bei allen Beteiligten hoch im Kurs. Dabei folgen die Bewertungen nicht immer nur objektiven Kriterien.

Cloud Computing ist per se ein Outsourcing-Modell: IT-Services werden außerhalb des eigenen Unternehmens produziert und von außerhalb bezogen. Damit lassen sich die Errungenschaften aus dem Outsourcing-Umfeld durchaus auf Cloud Computing Szenarien übertragen.

Neu ist jetzt jedoch neben der stärkeren Delokalisierung der hohe Grad der Standardisierung. Und damit reduziert sich der Einfluss der Unternehmen auf den Services (der jeweiligen Erbringung). Damit greifen die bis dato verwendeten Methoden nicht mehr. Der Anwender kann die genutzten Services nicht mehr kontinuierlich verbessern. Die IT-Produktion und die zugrunde liegenden Prozesse unterliegen komplett dem Verantwortungsbereich des Anbieters; für den Nutzer stellen sie sich als „Black Box“ dar.

Bei der Auswahl des für das Unternehmen „richtigen“ Providers ist eine Vielzahl von jeweils individuellen Kriterien zu berücksichtigen. Passt das Geschäftsmodell des Providers zu mir? Wie sieht es mit der Zuverlässigkeit und Erreichbarkeit – nicht nur in Standardsituationen – aus? Welches (Landes-)Recht kommt zur Anwendung? Wo ist der Gerichtsstand, wenn es mal zu Unstimmigkeiten kommen sollte? Dies sind nur einige der Fragen, auf die eine Antwort gefunden werden sollte.

Ist der „richtige“ Provider gefunden, das eigene Unternehmen cloud-ready und es gibt einen passenden Cloud-Service, der die alle Wünsche und Unternehmensanforderungen abdeckt, dann steht dem Gang in die Wolke nichts entgegen.

Endstation Cloud …

Mancher behauptet: „Wer einmal in den Wolken war, der will nicht mehr in den Keller, d.h. das eigene Rechenzentrum, zurück“. Über diese Aussage ließe sich trefflich vertiefen. Aber wie sieht es mit dem Wechsel zu anderen, vergleichbaren Cloudangeboten aus? Auch hier ist es hilfreich, wenn bereits vor Vertragsabschluss geklärt ist, wie Daten zurückgegeben werden. Welche Mitwirkungspflicht hat beispielsweise der Kunde, in welcher Form werden die Daten rücküberführt?

An dieser Stelle stößt man auf eines der ungelösten Paradoxa der Cloud. Steht sie doch eigentlich für Flexibilität und Dynamik – wenn es darum geht, einen Provider gegen einen anderen auszutauschen, sucht man sie vergeblich. Nicht umsonst machen sich viele Nutzer Gedanken über einen Vendor Lock-in. Die beworbene Flexibilität scheint es nur innerhalb der von einem Provider angebotenen Produkte zu geben. Und damit wären wir in Realität bei einer Form von Flexibilität, wie wir sie bislang schon von Suitenanbietern kennen. Eigentlich kein ganz unbekanntes Phänomen.

Ähnliche Erfahrungen kann man machen, wenn unterschiedliche Cloud Services miteinander kombiniert werden sollen. Die dabei auftretenden Herausforderungen im Bezug auf Schnittstellen und Kommunikation der einzelnen Services sind ebenfalls aus dem Outsourcing bekannt. Hier wurden diese meist im Rahmen der Due Dilligence detailliert betrachtet. Denn die möglichen Probleme können sich drastisch auf die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems auswirken.

… und was kommt dann?

Cloud Computing in der heutigen Form ist auf jeden Fall noch nicht das Ende der Entwicklung, sondern erst der Anfang. Aber in 20 Jahren kann ja auch noch viel passieren. Die Idee „IT wie Strom aus der Steckdose“ wird sich sicher noch deutlich weiter entwickeln. Nichtsdestoweniger hat die aktuelle Diskussion um Cloud Computing hier wichtige Impulse geliefert. Bereits heute hat der Hype um die Wolke eine ganze Reihe von Errungenschaften hervorgebracht: Virtualisierung, Automatisierung und Standardisierung.

Aber, der Stein der Weisen ist Cloud Computing zurzeit noch nicht. Aber keine Bange: Die Alchemisten haben genauso wenig Gold erzeugt, wie sie das Wasser des Lebens fanden. Aber das Porzellan und den Phosphor haben sie beispielsweise entdeckt. Beim Cloud Computing wird es ähnlich sein.
Was da noch kommen wird, das können wir jetzt noch nicht erahnen. Nur eines ist sicher. Es wird unser Alltags- und Geschäftsleben deutlich verändern. Wir sind schließlich auch vom Mittelalter in die Postmoderne gekommen.

Category: Gastbeiträge

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