Cloud Computing – Die Herausforderung für etablierte Unternehmen

[ 2 ] Februar 24, 2012 |

Cloud Computing hat sich vom technischen Experiment schon lange weg entwickelt und findet in den Chefetagen viel Beachtung, weil die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen einer On-Demand Umgebung verlockend sind. Das erklärt auch die Bemühungen etablierter Unternehmen, die Prozesse so auszurichten, dass man geschäftlich von den unterschiedlichen Ansätzen des Cloud Computing profitieren kann.
von Chris Boos

Das Interesse für Cloud Computing auf den Führungsebenen hat auf der anderen Seite die Wirkung, dass jeder IT Hersteller seine Produkte in „Cloud“ umbenennt – leider meist ohne tatsächlich die Skalierbarkeit oder On-Demand Anforderungen konzeptionell umzusetzen. Eines ist klar: Jeder, der heute IT im Hause hat, ist vom Cloud Virus befallen und jeder der IT anbietet, will auf den Zug aufspringen. Dieser Beitrag erläutert realistisch, warum Cloud Computing neuen Unternehmen einen erheblichen Marktvorteil verschafft, warum der Weg in die Cloud für etablierte Unternehmen ein steiniger ist und warum das Thema Migration – auch wenn in den enthusiastischen Cloud Diskussionen nicht oft angesprochen – der entscheidende Faktor für nachhaltigen Erfolg für etablierte Unternehmen sein kann.

Der geschäftliche Nutzen von Cloud ist offensichtlich

Egal welche Cloud Philosophie man verfolgt oder über welche der Cloud Ansätze man liest. Das Ziel ist es, immer IT Services so anzubieten, dass diese nach Bedarf verfügbar gemacht werden und dementsprechend auch nach Bedarf bezahlt werden. Die verschiedenen Cloud Ansätze (z. B. IaaS, SaaS, PaaS, etc.) unterscheiden sich dabei lediglich von der Fertigungstiefe, in der dieses Modell angewandt wird. Bei Iaas (Infrastructure as a Service) ist die geringste Fertigungstiefe, weil man tatsächlich bisher physische Hardware durch dynamisch buchbare virtuelle Hardware ersetzt. Bei SaaS (Software as a Service) ersetzt man komplexe individuelle Entwicklungen durch standardisierte Anwendungen von deren Entwicklung und Pflege ein ganzer Kreis an Benutzern profitiert und bei PaaS (Plattform as a Service) reduziert man die Fertigungstiefe sogar auf das Niveau der Geschäftsprozessunterstützung. Gemeinsam haben diese Ansätze alle, dass man eine Überinvestition in grundlegende IT Ressourcen oder Entwicklungen verhindern will und stattdessen lieber die notwendigen Ressourcen genau dann einkauft, wenn diese gebraucht werden.

Das mag sich nach einem technologisch verspielten Ziel anhören, allerdings sollte man sich aber folgendes vor Augen führen: Auf Seiten der Infrastruktur nutzen die meisten etablierten Unternehmen durchschnittlich unter 1 0% und im Maximum nicht einmal 20% ihrer vorhandenen IT Ressourcen. Folglich wären zwischen 80% und 90% aller Anschaffungen in diesem Bereich vollkommen unnötig. Hierin sieht man den enormen betriebswirtschaftlichen Hebel, der sich hinter dem Thema Cloud Computing versteckt. Genau aus diesem Grund ist der zynischen Aussage, dass Cloud Computing die Ankunft der aller ersten IT Konzepte in der Finanzabteilung sei (bereits die Hosts in den 70 Jahren arbeiteten mit Virtualisierung), einiges abzugewinnen.

Formuliert man die Ergebnisse der Nutzung von Cloud Computing im vorgesehenen Sinne – und die Geschäftsmodelle der meisten Anbieter bilden diesen noch nicht zu 100% ab – kurz, bedeutet Cloud Computing eine Reduktion der notwendigen Investitionen in IT Assets um mindestens 80%.

Es ist also offensichtlich: Wer einem solch gravierenden Vorteil nicht folgen kann, der kann künftig unmöglich eine nachhaltig erfolgreiche Marktposition besetzen.

Für die Jugend ist der Himmel näher

Es überrascht nicht, dass junge Unternehmen (Startups) es leichter haben, von solchen neuen Konzepten zu profitieren. Und dazu muss man gar nicht die Psychologie bemühen, die besagt, dass Menschen sich nur unter Druck aus der Komfortzone bewegen und etablierte Verfahren ändern. Ein junges Unternehmen kann schlicht und einfach die Entscheidung treffen, wie es sich im Bezug auf IT Architektur, Datenhaltung, Softwarenutzung, Fertigungstiefe in der IT etc. aufstellen will und diese Entscheidungen einfach umsetzen. In einem etablierten Unternehmen kann die Entscheidung über das Ziel genauso schnell und einfach getroffen werden – auch wenn hier die Prozesse um eine Entscheidung zu finden alleine meist schon ungleich länger sind – aber die Umsetzung dieser Entscheidung ist ungleich komplizierter. Diese Komplexität rührt daher, dass man nicht einfach auf der grünen Wiese anfängt und IT so entwirft, wie man sie haben will. Es bestehen vielmehr etablierte IT Prozesse, die das Unternehmen auch jeden Tag zum Arbeiten braucht und diese sehr stark untereinander vernetzt sind. Will man nur für einen kleinen Teil dieser Landschaft Cloud Computing Prinzipien anwenden, hat das nicht nur Auswirkungen auf die betreffenden Dienste. Da bei einem Umzug diese anderen Diensten nicht mehr zur Verfügung stehen und ggf. keine Kompetenz im Betrieb oder in der fachlichen Nutzung vorliegt, kann das schnell Auswirkungen auf die gesamte IT des Unternehmens haben. Gerade durch den Vernetzungsgrad, den wir nicht nur dramatisch erhöht haben, sondern dessen Stabilität auch erheblich gesteigert wurde, wird die Einführung von Cloud Computing in etablierten, IT-fokussierten Unternehmen zu einer ungeheuren Herausforderung.

Von der technischen Herausforderung zum Existenzkampf

Die bisherige Ausführung beschreibt das Problem, in einer etablierten Umgebung eine notwendige Veränderung durchzuführen. Die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn man diese Veränderung nicht ausführt, sollten aber noch plastischer sein: Angenommen ein großes deutsches Unternehmen hat ca. 5000 Anwendungen und ein Budget von 800 Mio. € p.a. in der IT und hat errechnet, dass allein durch die Nutzung einer Hybrid Cloud auf Infrastrukturebene ca. 1 00 Mio € p.a. für nicht benötigte Hardwareanschaffungen, nicht benötigte Lizenzen und nicht verbrauchte Energie eingespart werden können. Man entscheidet sich also dafür, unbedingt „dieses Cloud Zeug“ zu machen. Und stellt dann fest, dass man dazu alle 5000 Anwendungen – zumindest im Sinne der Infrastruktur auf der diese laufen – zumindest umziehen und in einigen Fällen sogar anpassen muss.

Jeder der schon einmal eine Migration zu einem Outsourcinganbieter mitgemacht hat, weiß was das bedeutet – sehr viel Arbeit und quasi Stillstand in der IT.

Untersucht man den notwendigen Migrationsaufwand – nur in Zeit – und stellt fest, dass eine Anwendung ca. 3 Monate Migrationszeit hat. Bei 5000 Anwendungen sind das 1500 Monate. Kann man 100 Projekte gleichzeitig durchführen – und das ist schon recht enthusiastisch – bleiben 150 Monate oder 12,5 Jahre. Die Idee in einem großen Unternehmen die IT für 12 Jahre lahmzulegen, dürfte im besten Falle mit einem milden Lächeln und im schlimmsten Falle mit dem Rauswurf des Architekten enden, der diese realistischen Schätzungen auf den Tisch legt. Und selbst wenn ein weit blickender Vorstand sich auf eine solche Migration einlassen würde, hat das Jungunternehmen, das dem Platzhirsch den Rang ablaufen will, 12 Jahre Zeit. 12 Jahre in denen der Platzhirsch wegen der Migration wenig IT Innovation erbringen wird und 12 Jahre in denen der Platzhirsch jedes Jahr 100 Mio. € ausgibt, die beim Jungunternehmen niemals als Kosten anfallen können.

Den gordischen Knoten der Migration durchschlagen

Es muss also eine Lösung für das Problem der Migration gefunden werden. Aber an diesem Problem arbeiten sehr viele Outsourcing-Anbieter und deren Kunden schon viele Jahre, denn ohne die aufwändigen Migrationen, wären die meisten Outsourcing-Projekte wesentlich profitabler und die Kunden wesentlich glücklicher, weil sie nicht mehr das Gefühl hätten, bei einem Dienstleister gefangen zu sein. Es erscheint also nicht realistisch, dass man eine Möglichkeit finden kann, mit der eine Migration wie oben beschrieben einfach in einem Monat erledigt ist. Man muss also nach einer Lösung suchen, die einerseits die Migrationszeit verkürzt und andererseits einen zusätzlichen Vorteil aus der durchgeführten Migration zieht.

Wenn man eine etablierte IT Landschaft besitzt und es gut finanzierte Jungunternehmen gibt, die in den eigenen Markt eindringen wollen, erscheint das Unterfangen nachhaltig im Markt bestehen zu wollen, vielleicht hoffnungslos. Dies wird jedoch zu einer machbaren Herausforderung, wenn man das Problem der Migration hinreichend lösen könnte. Glücklicher Weise reagieren Unternehmen auf derartige Herausforderungen besser als die Politik dies meistens tut und packen sie tatsächlich an.

Wissen und seine Anwendung sind die Lösung

Den Vorteil, den etablierte Unternehmen immer haben, ist das Wissen, das sie bei ihrer bisherigen Tätigkeit angehäuft haben. Wenn man es schafft, dass dieses Wissen eingesetzt wird, um Innovationen schneller nutzbar zu machen, so kann ein etabliertes Unternehmen immer einen gehörigen Vorteil gegenüber einem neuen Marktteilnehmer erwirtschaften.

Aber was haben diese philosophischen Gedanken mit dem Thema IT Migration zu tun? Bei einer Migration wird gewöhnlicher Weise das gesamte Wissen über die zu migrierende Anwendung, ihren geschäftlichen Nutzen, ihre Abhängigkeiten zu anderen Anwendungen, ihre Infrastruktur aufgearbeitet, übergeben und dafür genutzt, die Anwendung in einer neuen Umgebung wieder zum Laufen zu bekommen.

Schon einmal klar, warum Migrationen etwas mit Wissen zu tun haben. Die Frage, wie diese Erkenntnis die Migrationszeit reduzieren kann und gleichzeitig einen weiteren Vorteil für das folgende Geschäft etablieren kann, ist aber noch nicht beantwortet. Dazu muss man sich den typischen Business Case eines Outsourcingdeals ansehen: Bei diesem wird davon ausgegangen, dass wenn man einmal die zu übernehmenden Applikationen verstanden hat, eine bessere Cost-Income-Ratio dadurch erzielt werden kann, weil Teile dieses Wissens bereits verfügbar sind. Dadurch kann man damit nicht nur die Skaleneffekte verbessern, sondern da sich aus der Kombination des bestehenden und neuen Wissens neue Leistungen ergeben, den Marktauftritt verbessern. Nur bei einer Migration der gesamten IT, wie es für Cloud Computing notwendig ist, geht diese dauerhafte Verbesserung der Kosten nicht auf, weil schlicht und einfach der Markt fehlt, der die Umsetzung der Kostenverbesserung in zusätzliche Marge oder weitere Projekte ermöglicht. Umgekehrt kann man das bei einer Migration anfallende Wissen anwenden, um andere Teile der Migration zu automatisieren und damit Migrationszeiten zu verkürzen. Außerdem kann man dieses Wissen dann gleichzeitig auf den Betrieb der migrierten Umgebung anwenden.

Dadurch senken sich die Migrationskosten nicht nur um den „Cloud Faktor“, sondern auch noch um den Wissensfaktor: Mit der richtigen Methode, die zur Automation pures Wissen nutzt und dieses Wissen damit skalierbar macht, kann man den eigentlichen Overhead der Migration – den Transfer von Wissen – in einen dauerhaften Vorteil verwandeln.

Das Schlüsselwort für den Weg etablierter Unternehmen in die Cloud ist also Automation. Damit ist aber nicht Automation gemeint, wie sie schon seit 4 Jahren in der IT angewendet wird, sondern Automation, die Wissen aufnimmt und dieses dynamisch auf neue Umgebungen und Situationen anwendet, so dass die Automation nicht die Standardisierung erzwingt – die in sich wieder aufwändig ist – sondern die Weiterentwicklung und Innovation unterstützt.


Bildquelle: http://worldphotocollections.blogspot.com

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Category: Gastbeiträge

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