Apples iCloud und iTunes Match – Top oder Flopp?

[ 1 ] Januar 9, 2012 |

Kurz vor Weihnachten ging ein Raunen durch die Reihen von Musikkennern und -machern. Nicht nur wegen der vielen Musik-Streaming Dienste, die sich nun offenbar mit der GEMA geeinigt haben – zu mindestens vorerst. Insbesondere Apple überraschte mit dem Rollout von iTunes Match, dem Musikdienst für die hauseigene iCloud.
von Axel von Leitner

Worum geht es genau?

Mit der iCloud bietet Apple seinen Kunden Speicherplatz online an. Kunden können dann mit ihren Apple Geräten oder dem Browser über http://iCloud.com auf ihre Dokumente, Kontakte, Kalender und mehr zugreifen. So weit nichts besonderes mehr zu Zeiten von Dropbox und Co. Außerdem lassen sich seit der iCloud die bei iTunes (dem Apple Medien Store) gekauften Artikel über alle Apple Geräte automatisch synchronisieren. Wer sich am Heimrechner ein Musikalbum kauft, hat die Songs also auch direkt auf dem iPhone.

Nun hat sicher kaum jemand seine Musiksammlung erneut auf iTunes gekauft, um die Dateien in guter Qualität und auf allen i-Geräten verfügbar zu haben. Die Sammlung war also fragmentiert und musste immer händisch abgeglichen werden. Genau dafür gibt es jetzt iTunes Match. Für rund 25 Euro im Jahr gleicht iTunes dann die komplette private Musiksammlung mit allen Songs im iTunes Store ab. Findet iTunes eine Übereinstimmung, merkt Apple sich das und ab sofort ist es so als hätte man den Song bei iTunes gekauft. Er kann dann auf bis zu 5 Apple Geräte gestreamt oder heruntergeladen werden. Das besondere daran: es gibt kein DRM (Digital Rights Management) mehr und die Musik kommt in bester Qualität (256KBit/s).

Überspitzt gesagt lassen sich damit alle früheren Jugendsünden und sogar nicht legal beschaffte Musikstücke umwandeln in einen Song in bester Qualität, inklusive Cover und vernünftigen Titeltags. So weit die Theorie, aber was sagt die Praxis.

Überzeugendes Angebot schreit nach einem Praxistest

Für mich klang das Angebot sofort verlockend. Ich arbeite an einem MacBook Pro mit einer Solid State Festplatte. Das ist großartig, weil sich die Leistung dadurch gefühlt mehr als verdoppelt (die Schreibe- und Lesezeiten sind einfach überragend im Vergleich zu herkömmlichen, drehenden Festplatten). Allerdings sind die SSD’s momentan noch relativ teuer oder garnicht in den Größen normaler Festplatten verfügbar. Den Komfort, auch auf dem Laptop immer alles an Musik dabei zu haben, hatte ich mit der Umrüstung verloren. Mit der iCloud bzw. iTunes Match kommt das nun zurück. Ich muss die Songs nicht physikalisch dabei haben, kann aber darauf zugreifen oder sie sogar herunterladen wenn ich das möchte.

Gleiches gilt für das iPad oder iPhone mit begrenztem Speicherplatz. Ganz gleich, wie groß die Sammlung ist – ab jetzt habe ich meine Musik immer verfügbar.

iTunes Match klappt hervorragend, aber Zeit sollte man mitbringen

Je nach Größe der Musiksammlung ist der Weg dahin allerdings nicht ganz einfach. Bei Musiksammlungen mit mehreren Tausend oder Zentausenden Liedern hat iTunes Match einiges zum Abgleichen. Zwar müssen die Songs nicht hochgeladen werden zum Abgleich, weil Apple sich der Technologie mit dem Namen “Digital File Identification” bedient, dennoch dauert der Abgleich gerne mal einige Stunden oder sogar Tage. Wenn man den Rechner nicht laufen lassen möchte, muss man iTunes dann täglich darum bitten weiter zu machen (Store –> iTunes Match aktualisieren). Bei mir brauchte es immer ein paar Anläufe, bis es dann weiter ging. Was einmal erkannt ist, wird dann zukünftig auch nicht mehr abgeglichen.

Neben diesem zeit- und nervenfressenden Start gibt es einige Dinge zu beachten:

  • Songs, die Apple nicht kennt oder erkennt werden in die iCloud hochgeladen und dort für den Nutzer gespeichert. Bis zu 25.000 Lieder können das sein. Da iTunes schon sehr viel Musik kennt (20 Mio Lieder), sollten hier die Wenigsten an ihre Grenze kommen.
  • Die Größe der hochgeladenen einzelnen Songs darf 200 MB nicht überschreiten – Freunde elektronischer Musik und langer Zusammenschnitte könnten hier durchaus an die Grenzen stoßen (ein 90 Minuten Live Mitschnitt eines Konzertes wandert so nicht in die iCloud)

Da ich davon ausgehe, dass viele Nutzer mit kleinen Mediatheken selbst vor den 25 Euro jährlich zurückschrecken werden, werden sich vermehrt Leute mit großen Mediatheken für iTunes Match entscheiden. Diese sollten sich auf jeden Fall auf einige Tage Upload je nach Bandbreite der DSL Leitung gefasst mach
en. Freunde elektronischer Musik und damit vieler längerer Mixtapes werden hier insbesondere leiden, denn Apple kennt nur die wenigsten dieser Stücke und muss sie daher alle zu sich in die iCloud laden.

Positiv an iTunes Match
Negativ an iTunes Match
  • Alle Songs der eigenen Mediathek sind potentiell immer dabei, zur Not kann man sie runterladen oder auf iPad oder iPhone streamen.
  • Upgrade der alten Musiksammlung auf eine bessere Qualität (256 KBit/s) – ganz früher von CD eingelesene Songs in schlechterer Qualität können so problemlos upgegradet werden.
  • Die Songs sind dann frei von DRM, dh. ein Überspielen auf andere Rechner oder MP3-Player ist problemlos möglich. Das funktioniert übrigens auch, wenn ich iTunes Match im nächsten Jahr kündige.
  • Nachdem man seine Mediathek abgeglichen und die Songs ggf. neu aus der iCloud geladen hat ist die Musiksammlung perfekt geordnet und mit dem originalen Cover versehen.

iTunes Match: Fazit und Ausblick

Bis auf den etwas langwierigen Start (mein iTunes ist noch immer mit dem Upload von Titeln beschäftigt) bin ich begeistert von dem Angebot. Für eine super geordnete und gepflegte Musiksammlung (Cover, Title Tags, etc) in bester Qualität gebe ich gerne 25 Euro im Jahr aus. Eine schnelle Internetleitung (Nein, kein DSL 2000) ist aber Grundvoraussetzung, wenn man nicht nur einige weniger Lieder hochladen muss.

Die Aussichten für Apple und seine Nutzer sind auf jeden Fall wieder rosig: Apple legt mit iTunes Match und der iCloud einen mächtigen Grundstein für den allseits erwarteten Apple TV. Man stelle sich nur vor, wie man das neue TV Gerät aufstellt und ohne Umwege direkt alle seine Musik (inklusive Videos) in bester Qualität verfügbar hat. Wer die bislang verbreiteten TV Geräte kennt wird mir zustimmen, dass alleine das ein deutliches Kaufsignal für den Apple TV ist. Das Ökosystem für den Apple Nutzer wird dabei immer größer, besser und vor allen Dingen endet es in einem riesengroßen Monopol. Durch die reibungslose Integration der verschiedenen Angebote bindet Apple seine Nutzer eng an sich und schafft damit den perfekten Lock-In. Dagegen war das Microsoft Monopol der 90er Jahre nur eine Kleinigkeit. Es bleibt also abzuwarten, ob andere unabhängige Plattformen einen ähnlich gut integrierten Dienst anbieten können. Da wäre zum Beispiel Amazon Cloud Drive zu nennen, welches allerdings momentan noch keine Funktion im Stile von iTunes Match bietet, sondern ähnlich wie die Dropbox als Datenspeicher für Musik fungiert. Der Vorteil ist, dass man die Musik auch im Browser und ohne i-Gerät abspielen kann und damit zu mindestens teilweise dem Apple Lock-In entgeht.


Über Axel von Leitner

Axel von Leitner ist einer der beiden Gründer und Geschäftsführer von 42he. Das Softwarehaus entwickelt und vermarktet Software-as-a-Service Dienste, wie das CRM System CentralStationCRM oder das Projektmanagement System CentralSphere.

Nach dem Bachelor Studium der Medienwirtschaft in Köln arbeitete Axel von Leitner zunächst als Unternehmensberater mit einem Fokus auf Vertriebs- und Marketingthemen sowie Prozessoptimierungen. Im Anschluss begann er ein ein Master Studium in International Business in Maastricht und gründete die Firma 42he zusammen mit seinem Partner Moritz Machner.

Auf dem 42he Firmenblog bloggt Axel von Leitner regelmäßig über Unternehmensstrategien sowie Usability und Design Themen. Weitere Profile von ihm sind auf Twitter und Xing zu finden.


Bildquelle: digitaltrends.com

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Category: Gastbeiträge

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