Runtastic: Als Consumer App in der Business Cloud

November 18, 2013 |

Die Erfolgsmeldungen aus der Public Cloud reißen nicht ab. Ständig erscheinen neue Web- und mobile Applikationen, die auf Infrastructure-as-a-Service (IaaS) Angebote setzen. Das ist nur ein Grund, der Marktforscher wie IDC (107 Milliarden Dollar) und Gartner (244 Milliarden Dollar) dazu bewegt, der Public Cloud bis zum Jahr 2017 eine vermeintlich goldene Zukunft zu bescheinigen. Den Erfolg der Public Cloud kann man nicht wegdiskutieren, die Fakten sprechen für sich. Jedoch sind es derzeit überwiegend Startups und vielmals unkritische Workloads die sich in die Public Cloud bewegen. Spricht man hingegen mit IT-Entscheidern von Unternehmen, die über ausgewachsene IT-Infrastrukturen verfügen, sieht die Realität anders aus. Das zeigt auch unsere Studie über den Europäischen Cloud Markt. Insbesondere der Self-Service und die Komplexität wird von den Public Cloud Anbietern unterschätzt, wenn sie auf Unternehmenskunden zugehen. Aber auch für junge Unternehmen ist die Public Cloud nicht zwangsläufig die beste Wahl. Ich habe kürzlich mit Florian Gschwandtner (CEO) und Rene Giretzlehner (CTO) von Runtastic gesprochen, die sich gegen die Public Cloud und für eine Business Cloud, genauer T-Systems, entschieden haben.

Runtastic: Von 0 auf über 50.000.000 Downloads in drei Jahren

Runtastic besteht aus einer Reihe von Apps für Ausdauer, Kraft & Toning, Gesundheit & Wellness sowie Fitness und hilft den Nutzern dabei ihre Gesundheits- und Fitnessziele zu erreichen.

Das Unternehmen wurde im Jahr 2009 in Linz (Österreich) gegründet und hat auf Grund seines enormen Wachstums in der internationalen Mobile Health und Fitness-Branche mittlerweile Standorte in Linz, Wien und San Francisco. Die Wachstumszahlen sind beeindruckend. Nach 100.000 Downloads im Juli 2010 sind es mittlerweile über 50.000.000 Downloads (Stand: Oktober 2013). Davon alleine 10.000.000 Downloads in Deutschland, Österreich und der Schweiz, was in etwa mehr als ein Download pro Sekunde bedeutet. Runtastic verfügt über 20.000.000 registrierte Nutzer, bis zu 1.000.000 täglich aktive Nutzer und mehr als 6.000.000 monatlich aktive Nutzer.


Quelle: Runtastic, Florian Gschwandtner, November 2013

Neben den mobilen Apps setzt Runtastic ebenfalls auf das Angebot eigener Hardware, um die Apps und Services bequemer nutzen zu können. Ein weiterer interessanter Service ist das „Story Running“, der zu mehr Abwechslung und Action beim Laufen führen soll.

Runtastic: Gründe für die Business Cloud

Angesichts dieser Wachstumszahlen und Anzahl der ständig wachsenden Apps und Services ist Runtastic ein idealer Kandidat für eine Cloud Infrastruktur. Im Vergleich zu ähnlichen Angeboten sogar für eine Public Cloud. Möge man meinen. Runtastic begann mit seiner Infrastruktur bei einem klassischen Webhoster – ohne Cloud Modell. In den vergangenen Jahren wurden einige Erfahrungen mit unterschiedlichen Anbietern gesammelt. Auf Grund der ständigen Expansion, neuer Rahmenbedingungen, der wachsenden Kundenanzahl und der Bedarf an Hochverfügbarkeit war der Grund die Infrastruktur in eine Cloud auszulagern.

Dabei war eine Public Cloud für Runtastic nie eine Option, da der dedizierte(!) Speicherort der Daten höchste Priorität besitzt und das nicht nur auf Grund von Sicherheitsaspekten oder dem NSA-Skandal. So kamen die Amazon Web Services (AWS) allein aus technischen Gründen nicht in Frage, da viele Ansprüche von Runtastic sich darauf nicht abbilden lassen. Unter anderem umfasst die Kerndatenbank in etwa 500GB auf einem einzelnen MySQL-Node, was laut Giretzlehner AWS nicht erfüllen kann. Zudem sind die Kosten in einer Public Cloud für solche großen Server dermaßen teuer, das sich eine eigene Hardware schnell rechnet.

Stattdessen hat sich Runtastic für die Business Cloud von T-Systems entschieden. Gründe hierfür waren ein gutes Setup, ein hoher Qualitätsanspruch sowie zwei Rechenzentren an einem Standort (in zwei getrennten Gebäuden). Hinzu kommt ein hoher Sicherheitsstandard, ein professioneller technischer Service als auch die Kompetenz der Mitarbeiter und Ansprechpartner und eine sehr gute Anbindung an die Internetknoten in Wien und Frankfurt.

Dabei kombiniert Runtastic das Colocation Modell mit einem Cloud-Ansatz. Das bedeutet, dass Runtastic die Grundlast mit eigener Hardware abdeckt und Lastspitzen über Infrastructure-as-a-Service (IaaS) Rechenleistung von T-Systems abfängt. Das Management der Infrastruktur läuft automatisiert mittels Chef. Der Großteil der Infrastruktur ist zwar virtualisiert. Allerdings fährt Runtastic einen hybriden Ansatz. Das bedeutet, dass die Kerndatenbank, der Storage und der NoSQL Cluster auf Bare Metal (nicht virtualisiert) betrieben werden. Auf Grund der globalen Reichweite (90 T-Systems Rechenzentren weltweit) kann Runtastic auch in Zukunft sicherstellen, dass alle Apps nahtlos und überall funktionieren.

Eine etwas unkonventionelle Entscheidung ist der Drei-Jahresvertrag, den Runtastic mit T-Systems eingegangen ist. Dazu gehören das Housing der zentralen Infrastruktur, ein redundanter Internetzugang sowie der Bezug von Rechenleistung und Speicherplatz aus der T-Systems Cloud. Runtastic hat sich für dieses Modell entschieden, da sie die Partnerschaft mit T-Systems langfristig sehen und nicht von heute auf morgen die Infrastruktur verlassen wollen.

Ein weiterer wichtiger Grund für eine Business Cloud war der direkte Draht zu Ansprechpartnern und Professional Services. Das spiegelt sich zwar auch in einem höheren Preis wieder, den Runtastic jedoch bewusst in Kauf nimmt.

Es geht auch ohne Public Cloud

Runtastic ist das beste Beispiel dafür, dass junge Unternehmen auch ohne eine Public Cloud erfolgreich sein können und eine Business Cloud definitiv eine Option ist. Zwar setzt Runtastic nicht vollständig auf eine Cloud-Infrastruktur. Jedoch muss in jedem Einzelfall der Business Case gerechnet werden, ob es sich (technisch) lohnt, Teile in eine eigene Infrastruktur zu investieren und die Lastspitzen per Cloud-Infrastruktur abzufangen.

Man sieht an diesem Beispiel allerdings auch, dass die Public Cloud kein Selbstgänger für die Anbieter ist und Beratung und Professional Services aus einer Business bzw. Managed Cloud gefragt sind.

Während der Keynote auf der AWS re:Invent 2013 präsentierte Amazon AWS seinen Vorzeigekunden Netflix und dessen Netflix Cloud Plattform (siehe Video, ab 11 Minuten), die speziell für die Amazon Cloud Infrastruktur entwickelt wurde. Amazon verkauft die Netflix Tools selbstverständlich als einen positiven Aspekt, was sie definitiv sind. Allerdings verschweigt Amazon den Aufwand, den Netflix betreibt, um die Amazon Web Services zu nutzen.

Netflix zeigt sehr eindrucksvoll wie eine Public Cloud Infrastruktur via Self-Service genutzt wird. Wenn man jedoch bedenkt, was für einen Aufwand Netflix betreibt, um in der Cloud erfolgreich zu sein, muss man einfach sagen, dass Cloud Computing nicht einfach ist und eine Cloud Infrastruktur, egal bei welchem Anbieter, mit der entsprechenden Architektur aufgebaut werden muss. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Nutzung der Cloud nicht immer zu den versprochenen Kostenvorteilen führt. Neben den Einsparungen der Infrastrukturkosten die immer vorgerechnet werden, dürfen niemals die weiteren Kosten z.B. für das Personal mit den notwendigen Kenntnissen und die Kosten für die Entwicklung der skalierbaren und ausfallsicheren Applikation in der Cloud vernachlässigt werden.

In diesem Zusammenhang sollte auch der übermäßige Einsatz von infrastrukturnahen Services überdacht werden. Auch wenn diese das Entwicklerleben vereinfachen. Als Unternehmen sollte man sich vorher überlegen, ob diese Services tatsächlich zwingend benötigt werden, um sich alle Türen offen zu halten. Virtuelle Maschinen und Standard-Workloads lassen sich relativ einfach umziehen. Bei Services, die sehr nah in die eigene Applikationsarchitektur eingreifen, sieht es anders aus.

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Category: Analysen

René Büst

About the Author ()

Rene Buest is Senior Analyst and Cloud Practice Lead at Crisp Research, covering cloud computing, IT infrastructure, open source and Internet of Things. Prior to that he was Principal Analyst at New Age Disruption and member of the worldwide Gigaom Research Analyst Network. Rene Buest is top cloud computing blogger in Germany and one of the worldwide top 50 bloggers in this area. In addition, he is one of the world’s top cloud computing influencers and belongs to the top 100 cloud computing experts on Twitter and Google+. Since the mid-90s he is focused on the strategic use of information technology in businesses and the IT impact on our society as well as disruptive technologies. Rene Buest is the author of numerous professional cloud computing and technology articles. He regularly writes for well-known IT publications like Computerwoche, CIO Magazin, LANline as well as Silicon.de and is cited in German and international media – including New York Times, Forbes Magazin, Handelsblatt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Wirtschaftswoche, Computerwoche, CIO, Manager Magazin and Harvard Business Manager. Furthermore Rene Buest is speaker and participant of experts rounds. He is founder of CloudUser.de and writes about cloud computing, IT infrastructure, technologies, management and strategies. He holds a diploma in computer engineering from the Hochschule Bremen (Dipl.-Informatiker (FH)) as well as a M.Sc. in IT-Management and Information Systems from the FHDW Paderborn.