Open Compute: Brandbeschleuniger für den X86-Markt

Februar 4, 2014 |

Microsoft tritt Open Compute Projekt bei und setzt HP weiter unter Druck. Steht das Business Modell für Standard-Server vor dem Aus? Anteil von ODM-Servern verdreifacht sich bis 2018 nach Einschätzung von Crisp Research.

Was hat es zu bedeuten, wenn der weltweit größte Anbieter von proprietärer Software einer Community beitritt, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Server- und RZ-Architekturen im Open Source-Modus zu entwickeln und zu verbreiten?

Microsoft hat sich in den letzten Jahren geziert, offiziell dem Open Compute Project beizutreten. Galt doch die Partnerschaft mit HP (und auch Dell) als eine langjährige, unzerbrechliche Ehe, in der sich beide Partner eine Trennung nur schwer vorstellen konnten. Doch die Basis der Verbindung erodiert zunehmend.

Die Ankündigung seitens Microsoft, das Server- und Chassis-Design seiner Cloud-Server unter Open Source-Lizenz im Rahmen des Open Compute Projects (OCP) freizugeben, zeigt deutlich, wie sich die Kräfte im IT-Markt immer weiter verschieben.

Open Source + Hardware = „Open Hardware“

So hat es das 2011 von Facebook initiierte OCP geschafft, eine schlagkräftige Gruppe an Internetfirmen und Technologielieferanten (Facebook, Goldman Sachs, Intel, AMD) zusammenzubringen, die versuchen, eine neue Generation an Server- und Rechenzentrumsarchitekturen zu entwickeln, die quelloffen und frei verfügbar sind. Getreu dem Motto: Open Source + Hardware = „Open Hardware“.

Anfänglich als Privatinitiative von Facebook belächelt und teils falsch verstanden (Lagert Facebook nun sein Server- und RZ-Design nach Crowdsourcing-Prinzipien an eine Community von Freiwilligen und Startups aus?), zeigen sich nun die elementaren Auswirkungen des Projektes und einer Bewegung die weit darüber hinaus geht – BYOS oder auch „Build Your Own Server“.

Mit der voranschreitenden Digitalisierung von Geschäftsprozessen und der Verlagerung von Applikationen in die Cloud, zentralisieren sich die IT-Infrastrukturen auf Seiten der großen Cloud- und Internetfirmen. Schon heute werden über 30% der produzierten X86-Server in die Rechenzentren von Microsoft, IBM, Google & Co geliefert.

Cloud-Firmen kaufen keine Standard Hardware mehr

Was sich in den letzten 5 Jahren im Verdeckten abspielte kommt mit dem Beitritt von Microsoft zum OCP nun ans Tageslicht – immer mehr Cloud Service Provider lassen ihre eigenen Server fremdfertigen und kaufen keine Standard-Server mehr bei HP, Dell & Co. Dies gilt nicht mehr nur für Google, sondern auch kleinere Internetfirmen und Hosting Companies, wie z.B. Rackspace, lassen sich mittlerweile eigene Server fertigen.

Während die jährlichen Wachstumsraten im Cloud-Business (IaaS, PaaS, SaaS) noch über 40% liegen, ist der Markt für X86 Standard-Server in den letzten 3 Jahren nur um magere 3,5% gewachsen. Auch die Profitabilität leidet unter dem hohen Preis- und Wettbewerbsdruck, so dass kürzlich IBM sein X86-Hardware-Geschäft an Lenovo abgegeben hat. HP verzeichnete in 2013 in seiner Sparte „Enterprise Group“ einen Umsatzrückgang von 5% gegenüber 2012. Demgegenüber wachsen die Fremdfertiger (ODM) von Servern und Elektronik-Equipment weiter stark.

HP in Bedrängnis – Steht das Standard-Server Geschäftsmodell vor dem Aus?

Zwar macht das Geschäft mit Standard Servern mit 12 Milliarden USD nur rund 11% des HP-Umsatzes von 112 Milliarden USD aus. Trotzdem ist es ein wesentlicher Portfolio- und Innovationsbaustein für HP und determiniert wesentlich HP´s Rolle in der IT-Wertschöpfungskette. Zudem ist HP derzeitiger Marktführer und steht für über 30% das weltweiten Umsatzes. Aber was nützt diese Position wenn die Margen gering und der Anteil an der Wertschöpfung marginal ist?

Denn schon heute setzen HP, Dell & Co intensiv auf Fremdfertiger bei der Produktion ihrer Standard Server. Die Kernkomponenten (Chipsätze und Storagekomponenten) werden ebenfalls zugeliefert. Was bleibt sind Server Design & Architektur, Systems Management und Marketing. Doch verhält es sich in der IT-Industrie nicht wie im Consumer-Business. Nike kann das Image seiner Sneakers auch auf Dauer monetarisieren. Es ist der Erfolgsfaktor im Business für Sport & Lifestyle. Dies gilt im IT-Markt aber nur bedingt. Unternehmen werden sich und ihre IT-Service Partner zukünftig fragen, ob und warum ein Preis-Premium für Markenserver gerechtfertigt ist.

Form follows Function – Warum auch CIOs demnächst eigene Server bauen

Doch es sind nicht nur Preis- und Kostenaspekte, die bei der Entwicklung des Open Compute Project eine Rolle spielen. Auch stellt sich für viele CIOs und CTOs die Frage, ob Standard Server für die Bewältigung spezifischer Aufgaben die richtige Wahl sind. Oder ob nicht individuelle Server Konfigurationen für z.B. Memory- oder CPU-intensive Workloads die richtige Lösung sind. Denn nur wenn die Server Architektur und -Ausstattung ideal zum geplanten Workload passen, lassen sich eine hohe Performance und Kosteneffizienz erreichen. Festzustellen ist, dass „One Size fits all“ zwar bei Baseballmützen, aber weniger gut im Umfeld hochkomplexer Computing-Aufgaben funktioniert. Steht der Standard Server damit vor dem Aus?

Das Open Compute Project ist für sehr große Unternehmen und Technologie-Startups eine geeignete Plattform zum Gedankenaustausch und gemeinsamen Lernen, wie Server- und RZ-Architekturen in einem Open Source-Modell entstehen und weiterentwickelt werden können. Langfristig können auf dieser Plattform neue Industrie-Standards und Best Practices entstehen. Gerade was Cloud- und energie-optimierte Architekturen angeht.

Für die CIOs von Großunternehmen bietet das Open Compute Project in Kombination mit der Möglichkeit zum günstigen Fremdfertigen ganz neue Sourcing-Optionen. So geht Crisp Research davon aus, dass sich in 2014 die ersten 4-5 Konzerne an das Design und die Fremdfertigung eigener Server-Linien auf Basis von OCP herantrauen werden. Die wichtigsten Akteure bleiben vorerst die großen Internetfirmen, die maßgeblich für das Wachstum auf Seiten der Fremdfertiger (ODM) stehen und deren Anteil am X86-Server-Markt in den kommenden 5 Jahren auf über 20% heben werden.

Für das Gros mittelständischer Anwender bliebt dies in den kommenden 2-3 Jahren aber Zukunftsmusik. Hier gilt es zuvorderst, seine ersten hybriden Cloud-Umgebungen aufzubauen und die vielen Integrationsbaustellen erfolgreich abzuschließen, die durch die Verbindung unterschiedlicher Server-, Virtualisierungs- und Cloud-Plattformen entstehen.

Microsoft, Boehringer Ingelheim oder Deutsche Bank – Die neuen Server-Brands?

Vor zehn Jahren war noch nicht absehbar, dass der damalige Online-Versandhändler Amazon zum weltweiten Marktführer von On-Demand IT-Infrastrukturen aufsteigen würde. Aus einem Anwender wurde ein Anbieter.

Es ist durchaus möglich, dass zukünftig große IT-Anwender wie z.B. Allianz, Boehringer Ingelheim oder die Deutsche Bank eigene Server- und Rechenzentrums-Designs entwickeln und diese in der Folge sogar vermarkten.

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Category: Analysen

Dr. Carlo Velten

About the Author ()

Dr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen. Seine Schwerpunktthemen sind Cloud Strategy & Economics, Data Center Innovation und Digital Business Transformation. Zuvor leitete er 8 Jahre lang gemeinsam mit Steve Janata bei der Experton Group die „Cloud Computing & Innovation Practice“ und war Initiator des „Cloud Vendor Benchmark“. Davor war Carlo Velten verantwortlicher Senior Analyst bei der TechConsult und dort für die Themen Open Source und Web Computing verantwortlich. Dr. Carlo Velten ist Jurymitglied bei den „Best-in-Cloud-Awards“ und engagiert sich im Branchenverband BITKOM. Als Business Angel unterstützt er junge Startups und ist politisch als Vorstand des Managerkreises der Friedrich Ebert Stiftung aktiv.

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