IoT-M&A-Welle – Das große Fressen hat begonnen

Februar 5, 2016 |

Der Markt für das Internet of Things wird größer und größer, aber gleichzeitig auch chaotischer. Dort tummeln sich die unterschiedlichsten Provider mit ihren Angeboten, die von IoT-Produkten, -Services und Anwendungen, Netzwerken, Backends bis zu Beratungstätigkeiten reichen. Um ein wenig Ordnung in diesen unüberschaubaren Markt zu bringen, hat Crisp Research einen IoT-Stack (Report: Vermessung der IoT-Welt) entwickelt, der eine erste Marktaufteilung der zentralen Angebote im Bereich Internet of Things und Industrie 4.0 vorstellt.

Nicht nur die großen bekannten IT-Unternehmen wie AWS, Microsoft, IBM und SAP steigen in das neue Thema ein, sondern auch viele KMUs und Startups, die sich mit ihrer innovativen Technologie ein Nischensegment im Markt erschlossen haben. Ein weiterer Trend lässt sich bei den bekannten Industrieunternehmen erkennen, die sich vermehrt um das Entwickeln von IT-Services kümmern, um mit der fortschreitenden Digitalisierung Stand zu halten. Die Grenzen zwischen einem Technologie- und einem reinen Industrieunternehmen verschwimmen stetig, denn die Unternehmen müssen mit einem breiter angelegten Portfolio und End-to-End-Lösungen für ihre Kunden punkten.

Strategisch geleitete Übernahmen und Fusionen

Da es immer mehr Player auf dem Markt gibt, versuchen die Unternehmen durch Übernahmen oder Kooperationen ihre Marktanteile zu sichern. Große, etablierte Unternehmen kaufen kleinere Firmen, die es erfolgreich geschafft haben eine Nische im Markt zu finden und sich dort zu positionieren. Hierbei profitieren sie von dem Wissen und der Technologie der Kleineren, um nicht nur Zeit und Kosten für Forschung und Entwicklung einzusparen, sondern den Kunden zusätzlich ein größeres Leistungsangebot bieten zu können. Die M&A-Aktivitäten im Bereich IoT sind deshalb durch strategische Motive geprägt.

Nach Recherchen von Crisp Research liegt die Anzahl der bedeutenden M&A-Transaktionen innerhalb der letzten beiden Jahre bei ungefähr 150 mit einem Deal-Volumen von über 40 Milliarden US-Dollar.

Welche Trends sind bei den Unternehmensaufkäufen und Fusionen zu erkennen und welche Übernahmen stechen am meisten hervor?

Mergers & Acquisitions verfolgen drei Trends

Bei den M&A-Transaktionen im IoT-Bereich in den Jahren 2014 und 2015 beobachtet Crisp Research insgesamt drei wesentliche Trends.

Trend 1: Konsolidierung im Bereich Halbleiter-/Chip-Hersteller 

Die M&A-Tätigkeiten der letzten Jahre wurden hauptsächlich von Halbleiterherstellern durchgeführt, die im IoT-Markt große Wachstumschancen sehen. Es handelt sich hierbei um Mega-Merger, das heißt es sind insgesamt nur wenige Aufkäufe, deren Deal-Volumen dabei im Milliarden-Bereich liegt. Der Gesamtbetrag liegt hier bei rund 36 Milliarden Dollar. Die wichtigsten Mega-Merger sind:

  • Intel – Altera
    Im Juni 2015 kündigte Intel an, Altera für 16,7 Milliarden US-Dollar zu kaufen. Der Plan ist es, Intels Produkte (wie die Xeon®-Prozessoren) mit Alteras führender „Field-programmable gate array (FPGA)-Technologie zu kombinieren, um damit die Kundenanforderungen beim Einsatz der Chips in Rechenzentren und im Internet of Things zu erfüllen.
  • NXP – Freescale Semiconductor
    Der Chip-Hersteller NXP fusionierte im März 2015 mit Freescale Semiconductor für ein Deal-Volumen von 11,8 Mrd. US-Dollar. Das fusionierte Unternehmen soll Marktführer in der Fertigung von Universalmikrocontrollern und Halbleiterchips für den Automobilbereich werden. Richard Clemmer, CEO bei NXP, sieht in dem Zusammenschluss folgenden Vorteil: “The combination of NXP and Freescale creates an industry powerhouse focused on the high growth opportunities in the Smarter World. We fully expect to continue to significantly out-grow the overall market, drive world-class profitability and generate even more cash […].”
  • Cypress Semiconductor – Spansion
    Auch die Chip-Hersteller Cypress Semiconductor und Spansion haben sich im März 2015 zusammengeschlossen. Das Deal-Volumen betrug 5 Milliarden US-Dollar. „The new Cypress will be the No. 3 chip supplier worldwide of memories and microcontrollers to this business”, gibt CEO T. J. Rodgers bekannt.Chiphersteller planen mit den Zukäufen Know-how zu generieren, um auf dem IoT-Markt präsent zu sein. Es besteht ein großer Konsolidierungsdruck, denn die vorzutreffenden Player können sich nur noch allein durch die Größe im Wettbewerb durchsetzen und die Synergieeffekte der Economies of scale nutzen. Dies lässt sich auch an den Aussagen der Unternehmensentscheider erkennen, die mit den Übernahmen vor allem ihre Marktanteile vergrößern und den Kunden ein breiteres Produktportfolio anbieten möchten.

Trend 2: Aufkäufe von Startups und Enablement-Plattform-Anbietern

Es handelt sich hierbei um Übernahmen von Plattform- und Lösungsanbietern im Millionenbereich:

  • PTC – ThingWorx
    PTC kaufte im Januar 2014 den Anbieter der Enablement-Plattform ThingWorx für 112 Millionen US-Dollar. Ziel war es dabei, das Angebot für Fertigungsunternehmen durch digitale vernetzte Services zu erweitern. „Mit dieser Akquisition verfügt PTC jetzt über eine Innovationsplattform, die es uns erlaubt, unsere Kunden besser und schneller dabei zu unterstützen, die hervorragenden Marktchancen, die sich durch das Internet der Dinge ergeben, zu nutzen“, sagt Jim Heppelmann, PTC CEO.
  • Amazon Web Services – 2lemetry
    Der Cloud-Provider AWS sicherte sich im März 2015 das 2011 gegründete Unternehmen 2lemetry, das eine Entwicklerplattform für das Internet of Things vertreibt. Auch diese Akquisition verfolgte die Strategie sich hiermit von den anderen Cloud-Providern wie Microsoft abzusetzen.

Trend 3: Industrie- und Automobilunternehmen

Auch die bekannten großen Industrieunternehmen betreten im Zeitalter der Industrie 4.0 den Markt der vernetzten Technologien. Sie steigen durch die Aufkäufe von anderen Technologie-Unternehmen in einen völlig neuen Markt ein, indem sie nun vermehrt IoT-Services anbieten.

  • Bosch – ProSyst
    Bosch übernahm im Februar 2015 das Unternehmen ProSyst. ProSyst stellt Software im Bereich Middleware für das Internet der Dinge her. Mit den neuen Angeboten an Produkten und Services verspricht sich Bosch alle Branchen im Bereich IoT abzudecken. Dr.-Ing. Rainer Kallenbach, CEO bei Bosch SI macht dies mit seiner Aussage deutlich: “Adding this new expertise will enable us to jointly serve all areas of the connected world – industry, mobility, energy management, cities, and companies.”  So kann ein größerer Markt bedient werden und dem Kunden ein ganzheitliches komplettes Produktportfolio geboten werden.

Besonders die deutsche Automobilindustrie scheint unter dem Stichwort „Connected Car“ ein großes Interesse an IoT-Anwendungen gefunden zu haben. So führten die Autobauer auf der CES 2016 in Las Vegas ihre vernetzten, autonom fahrenden Fahrzeuge vor.

  • Audi/BMW/Daimler – HERE Nokia
    Die drei Autokonzerne Audi, BMW und Daimler entschlossen sich im Dezember 2015 zu dem Kauf des Online-Kartendienstes und Navigationsprogramms „HERE“ von Nokia. Sie planen im Rahmen des autonomen Fahrens die Vernetzung der Autosensoren mit den Karten, um eine Echtzeitübertragung zu ermöglichen.

Ausblick

M&As im Bereich des Internet of Things wurden bislang insbesondere von Sensoren- und Halbleiter-Herstellern, IoT-Enablement-Plattformanbietern sowie von Providern von Konnektivität-Technologien vorangetrieben. Die Anwendungsfelder für die neuen Sensortechnologien sind in der Konsumenten- und Automobilindustrie zu finden, gefolgt vom Gesundheitswesen.

Nach Einschätzung von Crisp Research wird es eine zweite M&A-Welle geben, die die letzten Jahre übertrifft. Bisher fixierten sich die Unternehmen auf den Kauf von Ausrüstern, Backend- und Middleware-Enablement-Anbietern, das heißt vornehmlich auf IT-Provider. Zukünftig wird sicher dieser Trend in Richtung IoT-Produkte und –Lösungen bewegen.

Die Unternehmensentscheider müssen sich im Klaren darüber sein, dass das Internet of Things ganz neue Geschäftsmodelle ermöglicht, die aber eine Umstrukturierung der Geschäftsprozesse nach sich ziehen. Ebenfalls wird es für Unternehmen aller Sektoren wichtig, ihr Augenmerk nicht mehr nur auf ihre Kernprodukte und –Dienstleistungen zu richten, sondern ihr Angebot weiter zu diversifizieren. Hier bieten IoT-basierte Lösungen und Services einen entscheidenden Vorteil – globale Skalierbarkeit und somit enorme Wachstums- und Profitchancen. Damit steigen in der nächsten M&A-Welle auch sicherlich noch einmal die Unternehmensbewertungen.

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Category: Analysen

Julia Michel

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